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Rede des LANUV-Präsidenten im Rahmen der Landespressekonferenz, Düsseldorf

14. Februar 2011

Neue Rote Liste der gefährdeten Pflanzen-, Pilz- und Tierarten in Nordrhein-Westfalen

Dr. Heinrich Bottermann
Präsident des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz

www.lanuv.nrw.de/natur/arten/roteliste.htm

 

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

unserer heutigen Pressekonferenz gingen drei Rote Listen voraus: 1979, 1986 und 1999. Wenn ich Ihnen heute die vierte Rote Liste in Folge präsentieren kann, dann bin ich stolz darauf, dass über 10 Jahre Arbeit von ca. 1.000 Expertinnen und Experten aus Nordrhein-Westfalen eingeflossen ist. Zum überwiegenden Teil handelte es sich dabei um ehrenamtliche Arbeit. Diese Arbeit bestand in weiten Teilen aus der Beobachtung und Bestimmung relevanter Pflanzen-, Pilz- und Tierarten vor Ort und zwar auf 100% der Landesfläche – nicht etwa nur in den ca. 2.000 Naturschutzgebieten des Landes Nordrhein-Westfalen. Auf 100% der Landesfläche heißt damit auch: in Städten und Ballungsräumen, in land- und forstwirtschaftlich genutzen Flächen, selbst Unterwasser in Bächen, Flüssen, Baggerseen und Talsperren (Fische, Wasserpflanzen etc.) wurde beobachtet, gemessen und mitunter auch gefangen.

Bei geschätzten 43.000 wildlebenden Pflanzen-, Pilz- und Tierarten in NRW ist das keine kurzfristige Aufgabe – etwa 10 Jahre "Inventur" sind dazu nötig. Der 10-Jahres-Rhythmus hat sich auch bei den Roten Listen des Bundes und der übrigen Länder als praktikabel erwiesen.

Vor dem Hintergrund der umfangreichen Ergebnisse einer solchen landesweiten Erfassung widmeten sich dann Autorenteams von ca. 90 Personen der wissenschaftlichen Auswertung. Sie fassten in akribischer Kleinarbeit alle gesammelten Daten in 23 Einzellisten zusammen. Jede Einzelliste betrifft dabei eine bestimmte Organismengruppe. Dabei enthält die aktuelle 2010er Rote Liste gegenüber der letzten Fassung aus dem Jahr 1999 zu ca. 10 Artengruppen komplette Neubearbeitungen oder zumindest Ergänzungen. Neu sind z.B. die für Gewässer so entscheidenden Gruppen der Rot- und Braunalgen, Stein- und Eintagsfliegen. So entstanden jeweils eigene Listen z.B. für Säugetiere, Vögel, Fische, Schmetterlinge u.s.w. Alle 23 Einzelllisten enthielten am Ende qualitative und zumindest halb-quantitative Aussagen für 12.000 Arten. Die Zahl ist beeindruckend, denn sie deckt immerhin 25% der geschätzten 43.000 wildlebenden Pflanzen,- Pilz- und Tierarten in Nordrhein-Westfalen ab. Mit einem Anteil von 25% lassen sich bereits sehr gute Aussagen über den Zustand der Natur einer Region wie Nordrhein-Westfalen formulieren.

Ergänzt und koordiniert wird diese Arbeit durch ein fachlich versiertes Team, bestehend aus Biologen, Landespflegern, Geografen und weiteren Berufsgruppen mit naturkundlichem Hintergrund in meinem Hause. So hatten LANUV-Wissenschaftler im letzten Jahr die Aufgabe, die 23 Einzellisten mit den Daten zu ca. 12.000 Arten so zu vereinheitlichen, zu standardisieren und zusammenzufassen, dass ein über alle Artengruppen hinweg vergleichbares Bild entsteht. Denn nur so sind die Kernbotschaften, die Ihnen eben Umweltminister Johannes Remmel erläuterte, verständlich formulierbar.

Neben der Redaktionsarbeit ergänzte mein Haus diese Daten mit eigenen Forschungsergebnissen und vorliegenden Daten aus Datenbanken. Relevant waren hier z.B.:

  • das Fundortkataster für geschützte Arten,
  • das Biotopkataster,
  • die Ökologischen Flächenstichproben (abgekürzt: „ÖFS“) und
  • die zoologischen und botanischen Datenbanken zur Wasserrahmenrichtline.

Die Verteilung aller Daten in NRW lässt, je nach Tier-, bzw. Pilz – oder Pflanzengruppe, auch eine regionale Betrachtung zu. So konnte bei den 45 % gefährdeter Arten der Nachweis geführt werden, dass im Schnitt die Arten des intensiver genutzten Flachlands tendenziell stärker gefährdet sind als die der extensiver genutzten und mit mehr Wald ausgestatteten Mittelgebirge. Auswertungen innerhalb der 23 Einzellisten ergeben wieder andere Erkenntnisse. So kann nachgewiesen werden, dass im Flachland die Arten, die in der Feldflur von Blütenpflanzen oder von stickstoffarmen Böden abhängen, besonders stark abgenommen haben. Herr Remmel ging hierauf bereits ein.

Die Analysen, die die Roten Listen ermöglichen, sind daher eine sehr wichtige, eine mithin sogar unverzichtbare Grundlage für fachliche und politische Entscheidungen. So sind die negativen Folgen zum Beispiel des Flächenverbrauchs („Versiegelung“) oder des Grünlandumbruchs, aber auch die positiven Effekte und Erfolge bisheriger Natur- und Umweltschutzmassnahmen, wie zum Beispiel die Wiederansiedlungsprogramme ehemals ausgestorbener Arten (Biber) oder die Gewässerrenaturierungen (Stichwort: EU-Wasserrahmenrichtlinie) belegbar und können öffentlich transparent gemacht werden.

Ich wünsche mir für die Zukunft noch viele solcher Roten Listen. Insbesondere wünsche ich mir den Fortbestand des beeindruckenden zivilgesellschaftlichen Engagements. Denn getragen wurde dieses Engagement von über 1.000 Menschen quer durch alle gesellschaftlichen Gruppen – vom „Otto-Normalverbraucher“ mit naturkundlichem Interesse bis hin zum Universitäts-Professor.

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      LANUV NRW 2011

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