© lanuv/C. Brinkmann
Sie sind hier: Startseite LANUV » Umwelt » Gefahrstoffe » PFC » Bewertungsmaßstäbe

Bewertungsmaßstäbe für PFC-Konzentrationen für NRW

Die in NRW derzeit geltenden Bewertungsmaßstäbe für Per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) in verschiedenen Regelungsbereichen sind nachfolgend zusammengefasst:

Trinkwasser

Die Bewertung basiert auf den aktuellen Empfehlungen des Umweltbundesamtes nach Anhörung der Trinkwasserkommission (TWK). Für die Bewertung und Ausrichtung eventuell erforderlicher Vorsorgemaßnahmen in Bezug auf das Schutzgut Trinkwassergewinnung sind die Werte in der Tabelle 1 wichtig. Neben diesen gesundheitlichen Trinkwasserhöchstwerten für Perfluorverbindungen (PFC) hat das Umweltbundesamt für Perfluoroctansäure (PFOA) und Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) am 18.12.2019 aus Vorsorgegründen einen vorübergehenden Maßnahmenwert für besonders empfindliche Bevölkerungsgruppen (Schwangere, stillende Mütter, Säuglinge und Kleinkinder bis zu einem Alter von 24 Monaten) von 0,05 µg/l im Trinkwasser ausgesprochen. Der vorübergehende Maßnahmenwert gilt bis zur Festlegung neuer gesundheitlicher Leitwerte für PFOA und PFOS.

Tabelle 1: Gesundheitliche Trinkwasserhöchstwerte unterschiedlicher Kategorien für PFC gemäß Umweltbundesamt (Stand 09/2020)

             Stoff

Allg. Vorsorgewert VW[µg/l]
(gilt als allgemeine Zielvorgabe für Rohwasser, Trinkwasser und Gewässer)

Gesundheitlich lebenslang
duldbarer Trinkwasserleitwert
(LW) [µg/l]

(gemäß TrinkwV toxikologisch abgeleiteter Wert)

Gesundheitlicher Orientierungswert GOW [µg/l] für das Trinkwasser
 

(gilt jeweils vorläufig, bis ein LW existiert)

Additionsregel für PFC-Stoffgemische gemäß TRGS 402

(gilt nur für LW; Quotientensumme, dimensionslos)

Perfluoroctansäure  PFOA

        <=0,1*

0,1

--

          1,0**

Perfluoroctansulfonsäure PFOS

0,1

 --

          1,0**

Perfluorbutansäure PFBA

10

--

          1,0**

Perfluorbutansulfonsäure PFBS 

6

--

          1,0**

Perfluorpentansäure PFPA

--

3,0

          --

Perfluorpentansulfonsäure PFPS

--

1,0

          --

Perfluorhexansäure PFHxA

6

--

          1,0**

Perfluorhexansulfonsäure PFHxS

0,1

--

          1,0**

Perfluorheptansäure PFHpA

--

0,3

          --

Perfluorheptansulfonsäure PFHpS

--

0,3

          --

Perfluornonansäure PFNA

0,06

--

          1,0**

Perfluordecansäure PFDA

--

0,1

          --

Perfluoroctansulfonamid, PFOSA

--

0,1

          --

6:2 Fluortelomersulfonsäure H4PFOS 

--

0,1

          --

* Der Wert von = 0,1 µg/l dient dem Reinheitsanspruch gemäß DIN 2000 für Trinkwasser sowie dem hygienischen Prinzip der Minimierung vermeidbarer Belastungen im Trinkwasser unter Bezug auf § 6(3) TrinkwV 2001 und auch der rechtlichen Konkretisierung des ALARA-Prinzips (As Low As Reasonably Achievable“). Nach dem ALARA-Prinzip soll der Gehalt einer Substanz, die aufgrund ihrer Eigenschaften ein gesundheitliches Risiko für den Verbraucher darstellen kann, in einem Lebensmittel (hier: Trinkwasser, Trinkwasserressource) so weit minimiert werden, wie dies „vernünftigerweise“ möglich ist. Für bisher nicht bewertete oder nur teilbewertete PFC wird vorsorglich und hilfsweise der VWa <= 0,1 µg/l verwendet. Dieser Wert dient gemäß den Empfehlungen der Trinkwasserkommission (2007) zugleich als langfristig zu erreichendes Mindestqualitätsziel für die Summe aus PFOA, PFOS und ggf weiterer PFC („Summe aller PFC“).

** Zur Bewertung von Stoffsummen kann die zusätzliche Berücksichtigung der Additionsregel gem. TRGS 402 mit dem LW als Bezugswert erfolgen: Zunächst ist für jede einzelne Komponente der Quotient aus gemessener Konzentration und dem zugehörigen, stoffspezifischen LW im Trinkwasser zu errechnen. Werte unterhalb der Bestimmungsgrenze bleiben dabei unberücksichtigt. Wenn danach als Summe aller Quotienten ein Wert von „kleiner oder gleich 1“ (dimensionslos) erhalten wird, ist das betreffende Trinkwasser lebenslang gesundheitlich duldbar. Bei Summen „größer 1“ sollten vorsorglich Maßnahmen durchgeführt werden, die geeignet sind, die PFC-Konzentrationen soweit zu reduzieren, dass die Quotientensumme auf einen Wert unterhalb von 1 verringert wird.

Ausblick: Künftig wird es einen verbindlichen Trinkwassergrenzwert zur Begrenzung von PFAS-Kontaminationen im Trinkwasser geben. Per- und Polyfluorierte Alkylsubstanzen werden mit einem Summengrenzwert von 0,5 µg/L (PFAS gesamt) bzw. von 0,1 µg/L (Summe der perfluorierten Alkylsubstanzen*) in die neue EU-Trinkwasserrichtlinie (Dezember 2020) aufgenommen werden (*Summe der PFAS: Untergruppe der perfluorierten Alkylsubstanzen mit drei oder mehr Kohlenstoffatomen in dem fluorierten Alkylanteil oder einem perfluorierten Alkyletheranteil mit zwei oder mehr Kohlenstoffatomen). Die neuen Vorgaben der TWRL von Dezember 2020 müssen binnen zwei Jahren in nationales Recht umgesetzt werden. Allerdings räumt die EU-Kommission aufgrund der analytischen Herausforderungen eine dreijährige Übergangszeit ein.

Grundwasser, Oberflächenwasser, Rohwasser, Abwasser

Für Grundwasser sind die Geringfügigkeitsschwellenwerte (GFS-Werte) für verschiedene PFC-Einzelstoffe zu beachten, die durch eine gemeinsame Arbeitsgruppe der Länderarbeitsgemeinschaften Wasser (LAWA) und Bodenschutz/Altlasten (LABO) im Jahr 2017 erarbeitet wurden. Hierbei werden die für das Schutzgut Trinkwassergewinnung geltenden Qualitätsanforderungen sowie ökotoxikologische Kriterien (PNEC, Umweltqualitätsnormen) berücksichtigt – der jeweils niedrigere Wert ist entscheidend für die Festlegung des GFS-Wertes im Grundwasser. In NRW gelten für die Beurteilung von PFC-Kontaminationen im Grundwasser bis auf Weiteres die Werte entsprechend der obigen Tabelle 1 (Tabelle 1: Gesundheitliche Trinkwasserhöchstwerte unterschiedlicher Kategorien für Perfluorverbindungen (PFC) gemäß Umweltbundesamt, Stand 09/2016). Handelt es sich um ein Grundwasservorkommen, welches mit einem Oberflächengewässer in Verbindung steht, muss die Umweltqualitätsnorm gemäß OGewV von 0,65 ng/L für PFOS Beachtung finden. PFC-Einleitungen in das Grundwasser sind aufgrund § 13 GrwV (Halogenorganische Verbindungen gemäß Anlage 7 GrwV) möglichst zu vermeiden und – sofern sie sich nicht vollständig vermeiden lassen – hinsichtlich der einzuleitenden PFC-Mengen streng zu kontrollieren und zu dokumentieren (Bestandsverzeichnis).

Für Rohwasser, Rohwasserressourcen, Grundwasser und Oberflächengewässer, die zur Trinkwassergewinnung genutzt werden, gelten die Mindestanforderungen gemäß obiger Tabelle 1 Gesundheitliche Trinkwasserhöchstwerte unterschiedlicher Kategorien für Perfluorverbindungen (PFC) gemäß Umweltbundesamt. Bewirtschaftungsmaßnahmen im Einzugsgebiet sollen auf eine vollständige Elimination hinwirken und mindestens das langfristig anzustrebende Mindestqualitätsziel der Trinkwasserkommission von <=0,1 µg/L für die PFC-Summe („Summe aller PFC“) verfolgen.

Grundwasser: Im Jahr 2017 hat die Länderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) Geringfügigkeitsschwellenwerte für verschiedene PFC-Einzelstoffe festgelegt: https://www.lawa.de/documents/03_anlage_3_bericht_gfs_fuer_pfc_endfassung_22_11_2017_2_1552302208.pdf . Die Geringfügigkeitsschwellenwerte gelten zur Feststellung und Begrenzung schädlicher Grundwasserverunreinigungen.

Grundwasserschadensfälle: Die Geringfügigkeitsschwellenwerte für PFC-Einzelstoffe sind nicht zwingend als Sanierungszielwerte zu verstehen. Sanierungszielwerte sind nicht allgemeingültig, sondern werden einzelfallbezogen unter Berücksichtigung der Verhältnismäßigkeit festgelegt. Dies bedeutet, dass bei der einzelfallbezogenen Ableitung von Sanierungszielwerten zunächst von den GFS-Werten oder hilfsweise von den Werten der Tab. 1 sowie von einer Berücksichtigung der Umweltqualitätsnormen (UQN-RL) ausgegangen wird. Die Festlegung eines Sanierungszielwertes erfolgt begründet für den jeweiligen Einzelfall. 

Für Abwassereinleitungen gilt für die Summe PFOA+PFOS der Wert <=0,3 µg/l als Orientierungswert, und für die Summe aller gemessenen PFC* der Wert <=1,0 µg/l. Bei Überschreitung erfolgt eine Ursachenermittlung und werden Gegenmaßnahmen eingeleitet.
Entsprechendes gilt auch, wenn bei signifikant erhöhten Konzentrationen (über dem jeweiligen Referenzwert) die festgestellte PFC-Fracht für die Summe PFOA+PFOS über 10 g/Tag bzw. für die die Summe aller gemessenen PFC* den Wert 35 g/Tag überschreitet.

Des Weiteren ist in Oberflächengewässern für die Einzelsubstanz PFOS die Umweltqualitätsnorm 0,65 ng/l (0,00065 µg/l) gemäß OGewV ebenso wie die zulässige Höchstkonzentration 36 µg/L und die Umweltqualitätsnorm in Biota hier bezogen auf Fische 9,1 µg/kg Frischgewicht einzuhalten.

Um diese Anforderung zu erreichen, müssen alle Maßnahmen auf eine strikte Vermeidung von analytisch messbaren PFOS-Emissionen ausgerichtet werden. Auch für alle anderen per- und polyfluorierten Verbindungen gilt hinsichtlich eines potenziellen Eintrags in die Umwelt, in Böden und Gewässer ein striktes Minderungs- und Vermeidungsgebot.

Die v.g. Bewertungskriterien für Einleitungen PFT- bzw. PFC-haltiger Abwässer in Gewässer wurden NRW-weit mit Erlass IV-7 096 004 0052 vom 16.06.2014 bekräftigt und unter Berücksichtigung der Umweltqualitätsnorm für PFOS sowie unter Berücksichtigung des aktuellen LANUV-Parameterumfangs* festgelegt.

* LANUV-Parameterumfang („Summe aller gemessenen PFC“). Die „Summe aller gemessenen PFC“ kann sich bei Löschwasseruntersuchungen durch Gehalte weiterer polyfluorierter Tensiden, die nicht im o.g. Parameterumfang genannt werden, teils deutlich erhöhen

Boden

Die Bewertung belasteter Böden erfolgt Einzelfall bezogen hinsichtlich festzustellender schädlicher Wirkungen, insbesondere auf Gewässer und Pflanzen.

Klärschlamm

Für die landwirtschaftliche Verwertung von Klärschlämmen sind die abfallrechtlichen sowie die düngerechtlichen Vorgaben zu beachten, die im Wesentlichen durch die Klärschammverordnung (AbfKlärV) und die Düngemittelverordnung (DüMV) festgelegt werden. Die Anforderungen an die maximal zulässigen Schadstoffgehalte für die bodenbezogene Klärschlammverwertung regelt ab dem 01.01.2015 vorrangig die DüMV. Danach liegt der maximal zulässige PFC-Gehalt in Klärschlämmen, die als Dünger eingesetzt werden, bei 100 µg/kg Trockenmasse (Summe PFOA+PFOS).

Lebensmittel

Im Jahr 2008 hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) die lebenslang zulässige tägliche Aufnahme (TDI= tolerable daily intake) für Perfluoroktansulfonsäure (PFOS) und Perfluoroktansäure (PFOA) in Höhe von 150 Nanogramm für PFOS und 1500 Nanogramm für PFOA je Kilogramm Körpergewicht und Tag festgelegt. Die seinerzeitigen Verzehrempfehlungen (z.B. für Fische aus den Ville-Seen, 2010) des LANUV erfolgten auf Basis dieser TDI-Werte. Ende 2018 hat die EFSA PFOS und PFOA erneut bewertet und tolerierbare wöchentliche Aufnahmemengen (TWI) für PFOS und PFOA in Höhe von 13 Nanogramm je Kilogramm Körpergewicht und Woche bzw. von 6 Nanogramm je Kilogramm Körpergewicht und Woche abgeleitet. Im Jahr 2020 erfolgte durch die EFSA unter Berücksichtigung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse abermals eine gesundheitliche Bewertung[1]. Erstmalig wurde eine tolerierbare wöchentliche Aufnahmemenge (TWI) für die Summe der vier langkettigen Verbindungen PFOS, PFOA, PFNA und PFHxS abgeleitet. Der Summen-TWI in Höhe von 4,4 Nanogramm je Kilogramm Körpergewicht und Woche wird vom LANUV für die aktuell gültigen Verzehrempfehlungen herangezogen.

 


[1] EFSA - European Food Safety Authority, Scientific Opinion on the risk to human health related to the presence of perfluoroalkyl substances in food. 2020, EFSA Journal 18 (9)6223, 391 pp.

Human-Biomonitoring

Die Kommission Human-Biomonitoring des Umweltbundesamtes (HBM-Kommission) hat im Jahr 2016 auf Grundlage humanepidemiologischer und tierexperimenteller Studien erstmalig wirkungsbezogene Human-Biomonitoring-Werte (HBM-Werte) abgeleitet. Es wurden HBM-I-Werte in Höhe von 2 ng PFOA/ml Blutplasma und 5 ng PFOS/ml Blutplasma festgelegt[1]. Der HBM-I-Wert kennzeichnet die Konzentration eines Stoffes in einem Körpermedium, bei dessen Unterschreitung nach dem aktuellen Stand der Bewertung durch die HBM-Kommission nicht mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung zu rechnen ist. Im Jahr 2019 hat die HBM-Kommission für PFOA und PFOS HBM-II-Werte in Höhe von 10 µg/l bzw. 20 µg/l im Blutplasma für die Allgemeinbevölkerung festgelegt[2]. Für Frauen im gebärfähigen Alter liegen der HBM-II-Wert für PFOA bei 5 µg/l und für PFOS bei 10 µg/l. Der HBM-II-Wert gibt die Konzentration einer Substanz in einem Körpermedium an, oberhalb derer eine als relevant anzusehende gesundheitliche Beeinträchtigung möglich ist und daher eine akute Notwendigkeit für Maßnahmen zur Expositionsverminderung sowie für die Bereitstellung medizinischer Beratung besteht.

 


[1] Hölzer J, Lilienthal H, Schumann M, Human Biomonitoring (HBM)-I values for perfluorooctanoic acid (PFOA) and perfluorooctane sulfonic acid (PFOS) - Description, derivation and discussion. 2021, Regul. Toxicol. Pharmacol. 121, 104862

[2] Schumann M, Lilienthal H, Hölzer J (2021) Human Biomonitoring (HBM)-II values for perfluorooctanoic acid (PFOA) and perfluorooctane sulfonic acid (PFOS) - Description, derivation and discussion. 2021, Regul. Toxicol. Pharmacol. 121, 104868

Literatur zur PFC-Bewertung